Ein ungebetener Gast

05.11.2022 | Begegnung, biografische Skizze

Wir, also Werner mein Mann und ich, hatten eine Busreise nach Gersfeld und Umgebung gebucht. Wir sind schon zweimal dort gewesen und die Rhön war für mich, die immer im Norden des Landes gelebt hatte, immer ein einziges Abenteuer. Bei den Wanderungen schätzte ich die Entfernung jedes Mal falsch ein. Ich dachte, gleich hinter dem Hügel sind wir am Ziel aber hinter jedem Hügel kam ein weiterer und ich wünschte mich zurück auf die Insel.
Und dennoch, wir wollten einen Tag mit einer Schäferin und ihrer Herde verbringen, zur Wasserkuppe, den Sternenpark sehen, und diesmal würden wir uns nur auf geführte Touren einlassen und keine Alleingänge unternehmen.
„Hast du Angelika den Schlüssel für die Wohnung gegeben?“ fragt Werner, als wir schon im Bus saßen. „Ja ich habe, und wenn nicht, dann wäre es jetzt auch nicht mehr zu ändern“. Das Fenster steht noch gekippt, fällt mir ein, aber ich sage es nicht.
Angelika würde, wie immer, wenn wir ein paar Tage unterwegs sind, die Pflanzen begießen und wenn es Sturm gibt, wird sie auch die Fenster schließen. Da war ich mir sicher.
Die Reise dauerte viele Stunden, weil wir einige Zwischenhalte einlegten, doch die Zeit verging schnell und wir konnten die herrliche Landschaft genießen. Hügelige Landschaft genießen, das machten wir dann eine wunderschöne Woche lang. Jeden Tag fuhr Thomas, der fröhliche Busfahrer, uns zu den vielen Sehenswürdigkeiten und die Abende verbrachten wir in netter Runde gemeinsam. Die Tage vergingen viel zu schnell und am Sonntagmorgen ging es um 7 Uhr zurück Richtung Flachland.  
Gegen Mittag rief mich Angelika auf dem Handy an. “Margot, wenn ihr nach Hause kommt, dann bitte keinen Schreck kriegen. In eurer Wohnung war ein ungebetener Gast und er hat etwas Schmutz hinterlassen. Ich hatte leider keine Zeit um zu putzen, werde gleich zu Brigittes Geburtstagsfeier abgeholt.“     
Na, das war ja spannend! Wer soll denn dieser ungebetene Gast sein und wieso hinterlässt er Schmutz? Angelikas Stimmte hatte sich gar nicht erschrocken angehört, sondern eher belustigt.
Zuhause angekommen öffneten wir vorsichtig die Tür und machten das Licht an. Nichts – weder Gast noch Schmutz, und ich war enttäuscht. Dann ging ich ins Schlafzimmer und als ich dort das Licht angeknipst hatte, sah ich die Bescherung. Unser großer Spiegelschrank war von oben bis unten voller Vogelkacke und die Vorhänge und die Tagesdecke hatten auch reichlich was abgekriegt. Das muss eine ganze Vogelfamilie gewesen sein. Ein einziger kleiner Darm eines Vogels kann doch unmöglich eine so große Menge fassen. Da hörte ich Werner. „Das musst du dir angucken“, rief er aus dem Badezimmer und ich traute meinen Augen nicht. Die Duschwände und das Waschbecken waren genauso bekleckert.
Es war schon nach Mitternacht und wir beschlossen, nur das nötigste zu säubern und am nächsten Morgen gründlich zu putzen. Früh um Sieben stand ich auf, öffnete die Fenster und ging ins Bad. Als ich zurück ins Schlafzimmer kam, saß eine Schwalbe auf der Gardinenstange und beäugte mich neugierig. Sollte sie etwa? Und schneller als ich denken konnte, war dieser kleine freche Vogel zielgerichtet an mir vorbei ins Bad geflattert. Keine Frage, sie kannte den Weg. Und hinterließ ihr Geschenk auf dem sauberen Waschbecken.
Vorsichtig, um das Tierchen nicht zu verängstigen, schickten wir es aus dem Fenster.
Am nächsten Morgen – ich mache die Fenster weit auf – gehe ins Bad – komme zurück ins Schlafzimmer – die Schwalbe sitzt auf der Gardinenstange. Ich singe ihr ein Lied vor, bis Werner vom Bäcker zurück kommt, leicht enttäuscht, darüber, dass der Gesang nicht ihm galt. Schwalbe fliegt ins Bad und hinterlässt ihre Spur, diesmal auf dem Fensterbrett. Wir schicken sie wieder freundlich hinaus.
In den nächsten Tagen ließ ich die Vorhänge zugezogen, wenn ich die Fenster am Morgen weit öffnete. Wenn ich die Wohnung verließ, schaute ich nach, ob auch wirklich niemand auf der Gardinenstange sitzt und kein Fenster ließ ich gekippt.
Manchmal versuche ich es dann doch noch einmal. Dann lasse ich das Fenster den ganzen Tag und die ganze Nacht geöffnet oder zumindest gekippt.

Textgeschenk einer großherzigen Schreibgruppenteilnehmerin.

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