Ich will leben!

23.03.2022 | Begegnung, Überlebenshilfe

Ich will leben

Wann immer ich es mir einrichten kann, verbringe ich Zeit an der Ostsee. Oft, wenn ich aufs Meer schaue, denke ich an die Flüchtlinge, die irgendwo auf dieser Welt auf dem Wasser treiben, und manchmal weine ich beim Gedanken daran, dass Kinder, Frauen und Männer ertrinken und dass Tote an Land gespült werden – woanders, an einem anderen Strand, während ich hier spaziere, lebendig, gesund und wenn der Regen mir ins Gesicht klatscht und der Wind mir den Atem raubt – gleich bin ich zuhause. Im der warmen Stube.

Diesmal, Anfang März 2022, ist es anders als sonst. Ich schaue aufs Wasser und denke, es könnte ein Kriegsschiff sein, das da kreuzt aber erkennen kann ich es nicht. In der Nähe ist ein Marinestützpunkt. Das Schiff kommt näher und dann dreht es ab. Ich höre die Hubschrauber, denke, dass ich – oder der Ort, an dem ich mich aufhalte, überwacht wird. Die Grenze zu Polen ist nur wenige Kilometer entfernt. Wir haben Krieg, seit zwei Wochen auch in Europa, und wer weiß, was heute passiert ist, in den wenigen Stunden, die ich unterwegs war. Ob ein paar hundert Kilometer weiter – jetzt – gerade in diesem Moment – während ich hier sitze und meinen Mantel öffne, um den Weg frei zu machen für die Sonnenstrahlen, damit sie möglichst ungehindert den Weg zu meinen Körper passieren können – eine Bombe fällt, ein Gebäude zerstört wird? Ich weiß, irgendwo schreien Menschen vor Schmerz.

Zuhause lege ich mich auf die Couch, müde, nach einem mehrstündigen Strandspaziergang, dauert es nur wenige Minuten, bis ich eingeschlafen bin. Wach werde ich, als das Kreischen einer Sirene, schrill und laut durch meinen Körper fährt. Vom Kopf aus, blitzschnell, zuckt es mir durch „Mark und Bein“. Mein Körper fällt für eine Sekunde auseinander und findet sich genauso schnell wieder zusammen.

Wo bin ich? Wo ist der nächste Keller? Was muss ich jetzt tun?

„Probealarm“ höre ich meine Großmutter sagen. Sie nimmt mich in den Arm und wiederholt: „Es ist nur ein Probealarm“. Ich bin etwa fünf Jahre alt und schaue in das Gesicht meiner Oma, erkenne die Angst und den Schrecken und beobachte wie er sich langsam verzieht, als sie spricht. Ihre Augen beginnen wieder zu lächeln und beim aufatmen drückt sie mich ein klein wenig fester an ihre weiche Brust.

Ich bin in Sicherheit.

Wir haben das Jahr 2022 und die Sirene kommt von der Feuerwehr. Probealarm?

Das kleine Mädchen, dessen Mutter damals Anfang der 1940-er als Fünfjährige auf der Flucht vor den anrückenden Soldaten, die Toten sah, im Straßengraben und dessen Vater in den Schutzkeller rannte, als die Bomben näher fielen, trägt die Spuren des vergangenen Krieges noch als Erwachsene in sich. Kriegsenkelin.

Ich will es nicht wahrhaben, dass in so vielen Herzen und weltweit der Krieg tobt.
Ich möchte leben. Und tanzen und lachen. Atmen. Ankern. In Verbindung und frei.

G. K. M.

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